Heizungsanlagen - für Laien erklärt
Heizungsanlagen - für Laien erklärt

Die Heizkostenaufteilung bei Einrohr-Heizungsanlagen

1. Die Einrohrheizung

Eine Einrohrheizung ist eine Warmwasserheizung, bei der die Heiz-

körper in einer Ringleitung (Einrohr) der Reihe nach mit Warmwasser

beliefert werden.

Bild 1: Eine Einrohr-Heizungsanlage

In Einrohrheizungen

  • sind die Rohre zu den Heizkörpern einer Wohnung (Ringleitung) ausschließlich im Boden der Wohnung verlegt. 
  • zirkuliert ständig warmes Wasser in den Ringleitungen, selbst dann, wenn alle Heizkörper abgestellt sind. Das Wasser fließt dann durch die Bypässe um die Heizkörper herum.
Bild 2: Schema einer Ringleitung

Das Heizungswasser fließt aus dem Vorlaufsteigstrang am Punkt 1 in

die Ringleitung. Ein Teil der Wassermenge (ca. 30 %) fließt am Punkt 2

durch den Heizkörper, während der größere Teil des Wassers

(ca. 70 %) durch den Bypass am Heizkörper vorbeifließt (Punkt 3). 

Am Punkt 4 sind die beiden Wassermengen wieder vereint, haben aber

eine niedrigere Temperatur als am Punkt 1, weil sich das Wasser, das

durch den Heizkörper geflossen ist, abgekühlt hat. Dies wiederholt sich

an jedem Heizkörper.

In der Ringleitung fließt also ständig warmes Wasser.

 

Sind die Ringleitungen nicht oder schlecht isoliert, geben sie auch dann Wärme an den Fußboden ab, wenn die Heizkörperventile geschlossen sind (sog. „Rohrwärme“). In manchen Wohnungen kann diese Rohr- wärme so groß sein, dass die Bewohner die Heizkörper kaum mehr benutzen. Es wird auch so warm genug.

Heizkostenverteiler an den Heizkörpern – besonders die elektronischen - erfassen jedoch nur die Wärme, die die Heizkörper abgeben. Dadurch werden an den Heizkörpern, die sehr oft geschlossen sind, weit weniger Verbrauchseinheiten gemessen als an Heizkörpern, die ständig in Betrieb sind. Die Gesamtkosten der Heizungsanlage, die über den Verbrauch abgerechnet werden (50 bis 70 % der Gesamtkosten), werden dann auf die – relativ wenigen – Einheiten verteilt, was zu hohen Preisen je Einheit führt.

2. Beispiel einer Heizkostenabrechnung mit und ohne Rohrwärme

 

Es werden folgende Annahmen getroffen: In einem 6-Familienhaus mit einer Einrohrheizung betragen die gesamten Heizkosten 30000 €. Die Kosten werden zu 30 % über die Wohnflächen und zu 70 % über den Verbrauch (Heizkostenverteiler) abgerechnet. Die Heizkostenverteiler an den Heizkörpern haben folgende Verbrauchseinheiten je Wohnung gemessen:

Aus obiger Tabelle kann man erkennen, dass die Wohnungen 1 und 5 die Rohrwärme intensiv genutzt haben und ihre Heizkörper kaum in Betrieb waren. Dadurch ergeben sich folgende Verbrauchskosten:

 

70 % von 30000 € = 21000 €. Diese Kosten werden auf 4527 Verbrauchseinheiten aufgeteilt. Dadurch ergibt sich ein Preis je Einheit von 21000 : 4527 = 4,64 €/Einheit.

 

Mit den tatsächlichen Verbrauchseinheiten multipliziert, ergeben sich je Wohnung folgende Verbrauchskosten:

Gäbe es in diesem Haus keine Rohrwärme, würde die Verbrauchs-

messungen je Wohnung wahrscheinlich so aussehen:

Jetzt werden die Verbrauchskosten auf 4890 Einheiten aufgeteilt, was einen Preis pro Einheit von 21000 : 4890 = 4,29 €/Einheit ergibt.

 

Dadurch ergeben sich folgende Verbrauchskosten je Wohnung:

Stellt man die Verbrauchskosten mit und ohne Rohrwärme je Wohnung gegenüber, ergeben sich folgende Unterschiede:

Einen nicht geringen Einfluss auf die Heizkosten hat auch das Behaglichkeitsempfinden des Menschen. Die vom Menschen empfundene Raumtemperatur hängt neben der Lufttemperatur u. a. auch von den Temperaturen der Umschließungsflächen des Raumes (Wände, Fenster, Decken, Fußboden und auch Heizkörper) ab. In einer Wohnung mit kalten Umschließungsflächen muss die Raumtemperatur bei gleichem Behaglichkeitsempfinden um einige Grade höher sein als in einer Wohnung mit warmen Umschließungsflächen. So sind Bewohner von Wohnungen mit großem Fensteranteil oder unter schlecht isolierten Dächern benachteiligt, weil sie mehr Wärme von den Heizkörpern beziehen, die dann auch gemessen wird. Ein hoher Verbrauchskostenanteil (z. B.70%) verschärft diese Kostenverschiebung noch. Heizkörper in Einrohrheizungen erwärmen sich selbst dann, wenn das Heizkörperventil geschlossen ist. In Einrohrheizungen fließt je nach Heizkörperventilstellung eine mehr oder weniger große Heizwassermenge über den Bypass am Heizkörper vorbei. Ist das Heizkörperventil geschlossen, fließt die gesamte heiße Wassermenge zum T-Stück am Heizkörperrücklauf. Es kommt zu einer Verwirbelung im Rücklaufrohr und Heizwasser höherer Temperatur steigt infolge der Thermik von unten her in den Heizkörper und erwärmt ihn. Die Erwärmung ist umso stärker, je höher die Heizwassertemperatur ist. Bei kleinen Heizkörpern kann dies zu einer Erwärmung des ganzen Heizkörpers, die dann auch von den Heizkostenverteilern registriert wird, führen. Bei großen Heizkörpern kommt es nur zu einer Erwärmung im unteren Teil, die von den Heizkostenverteilern nicht registriert wird und der oben beschriebenen „Rohrwärme“ gleichzusetzen ist. Der Normenausschuss beim Deutschen Institut für Normung empfiehlt deshalb, dass ein Abrechnungsmodus 50 % nach Verbrauch und 50 % nach der Wohnungsfläche angewendet werden sollte. Der Bund der Energieverbraucher fordert sogar, dass die Verteilung der Heizkosten komplett nach der Wohnfläche erfolgen solle. Wohlgemerkt, bei Einrohrheizungen!

3. Die VDI-Richtlinie 2077

 

Gemäß § 7 Abs. 1 der novellierten Heizkostenverordnung kann in Gebäuden mit einem hohen Anteil an ungedämmten Heizungs- Verteilleitungen der Wärmeverbrauch „nach den anerkannten Regeln der Technik“ bestimmt werden. Eine dieser „anerkannten Regeln der Technik“ ist die VDI-Richtlinie 2077 Beiblatt „Rohrwärme“, in der eine Korrektur dieser Kostenverschiebung beschrieben wird.

 

Diese VDI 2077 hat keine gesetzliche Wirkung, ihre Anwendung ist für den Gebäudeeigentümer freiwillig. Mieter haben keinen Anspruch auf ihre Anwendung.

In der VDI 2077 sind 3 Kriterien aufgeführt, die alle erfüllt sein sollten, damit ihre Anwendung sinnvoll ist. Das sind:

3.1. Verbrauchswärmeanteil kleiner als 34 % Der Anteil der Verbrauchswärme, der von den elektronischen Heizkostenverteilern erfasst wird, ist geringer als 34 % der Wärmemenge, die dem Gebäude zugeführt wurde.

 

Dabei wird die „Basisempfindlichkeit“ der elektronischen Heizkostenverteiler auf „1“ eingestellt. Das bedeutet, dass eine gemessene Verbrauchseinheit einer Kilowattstunde [kWh] entspricht.

 

Beispiel: Dem Gebäude nach Beispiel Seite 3 wurden 18000 kWh Wärme zugeführt. Die elektronischen Heizkostenverteiler haben aber nur 4527 Einheiten, also 4527 kWh, gemessen. Das ergibt einen Verbrauchswärmeanteil von 4527 : 18000 x 100 = 25,15 %.

3.2. Standardabweichung der Verbrauchsfaktoren größer 85 %

 

Die Standardabweichung der Verbrauchsfaktoren ist ein Begriff aus der Statistik und wird über eine komplizierte Formel errechnet.

Sie berücksichtigt die erheblichen Abweichungen einiger Verbraucher vom Durchschnittsverbrauch und wird für unser Beispiel von Seite 3 nach folgender Tabelle errechnet:

Für unser Beispiel beträgt die Standardabweichung 107 %. Damit wäre eine Korrektur nach VDI 2077 angebracht.

3.3. Anteil der Niedrigverbraucher größer als 15 %

 

Ein Verbraucher gilt nach VDI 2077 dann als Niedrigverbraucher, wenn sein „flächenbezogener Verbrauchswert“ unter dem Wert „15% vom Mittelwert aller kWh/m2“ liegt.

Für unser Beispiel ergeben sich folgende Werte:

Aus obiger Tabelle kann man entnehmen, dass die Wohnungen 1 und 5 als Niedrigverbraucher nach VDI 2077 gelten. Das sind 33 % aller Wohnungen und damit mehr als 15 %.

 

Die drei oben genannten Kriterien gelten nur für die erstmalige Anwendung.

 

In den folgenden Abrechnungszeiträumen ist als einziges Kriterium der Verbrauchswärmeanteil von 43 % (statt 34 %) maßgebend. Das heißt, dass ein Korrekturverfahren in den folgenden Abrechnungszeiträumen nur dann durchgeführt werden soll, wenn der Verbrauchswärmeanteil unter 43 % (diesen Wert nennt man auch „Plausibilitätsgrenze“) liegt.

3.4. Das Korrekturverfahren nach VDI 2077

 

Zuerst muss der sogenannte „Korrektur-Wärmeanteil“ ermittelt werden. Das ist der Rohrwärmeanteil, der auf die Verbraucher aufgeteilt wird.

Korrektur-Wärmeanteil =

Plausibilitätsgrenze (43 %) - Verbrauchswärmeanteil

 

Für unser Beispiel gilt:

Korrektur-Wärmeanteil = 43 % - 25,15 % = 17,85 %

17,85 % von 18000 kWh = 3213 kWh

Diese 3213 kWh werden den Verbrauchern flächenanteilig zugerechnet:

Die 21000 € Verbrauchskosten werden jetzt auf die korrigierten Verbrauchseinheiten (7740,32) aufgeteilt. Dadurch ergibt sich ein Preis je Einheit von 21000 : 7740,32 = 2,71 €/Einheit.

Mit den korrigierten Verbrauchseinheiten multipliziert, ergeben sich je Wohnung folgende korrigierte Verbrauchskosten:

Stellt man die Verbrauchskosten je Wohnung ohne und mit Korrektur gegenüber, ergeben sich folgende Unterschiede:

4. Schlussbemerkung

 

Die VDI-Richtlinie 2077 ermöglicht eine gerechtere Verteilung der Heizkosten in einer Liegenschaft. Sie betont aber ausdrücklich, dass es nicht ihr Ziel ist, die Unzulänglichkeiten einer Heizungsanlage auszugleichen. Deshalb werden zur Verringerung der Rohrwärmeverluste weitere Maßnahmen empfohlen, wie

  • der hydraulische Abgleich der Heizungsanlage 
  • eine außentemperaturgesteuerte Vorlauftemperaturregelung 
  • eine optimal eingestellte Nachtabsenkung 
  • eine möglichst gute Dämmung der Heizungsrohrleitungen

Jürgen Wüst

Dipl.-Ing. (FH)

24.3.2013

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